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Daß Dahlen
unter den im Norden Jülichs gelegenen Orten als
erster Stadtrechte erhielt, hängt gewiß mit der
Zerstörung Gripekovens zusammen. Als die
Vernichtung dieser starken Grenzbefestigung
beschlossen war, mußte in ihrer Nähe ein
zeitgemäßer Ersatz geschaffen werden. Vielleicht
spielte auch mit, daß Dahlen an bzw. auf der
wichtigen Verkehrsstraße Köln-Venlo lag, die es
sperren konnte, deren Benutzern auch nach der
Zerstörung Gripekovens gegen die benachbarten
Ritter von Odenkirchen und andere wenigstens für
die Nächte eine sichere Unterkunft gewährt
werden sollte. Möglicherweise wirkte auch mit,
daß der Jülicher Markgraf 1352 den vierten Teil
der grundherrlichen Rechte in Dahlen von den
Herrn zu Rheydt gekauft hatte.
Wie sollte die kostspielige Festungsanlage bei
der dauernden Verschuldung der Landesherren
finanziert werden? Darüber gibt der "offene
Freibrief" von 1354 Auskunft. Die aus Akzise,
Umsatzsteuer und Wegegeldern einkommenden
Beträge sollen wie üblich die Dahlener Bürger
verwenden zum Nutzen des Fürsten und zum Bau und
Nutzen der Stadt, das heißt zum Bau (und später
Instandhalten) des Mauerringes und des
Stadtgrabens, wohl auch für andere Aufgaben der
Stadt. Dem gleichen Zweck sollen dienen die
Erträge eines Tiefentals und eines Broichs,
diese allerdings vorbehaltlich des Zehnten.
Später wurden zur Finanzierung auch Jahrmärkte
herangezogen.
Wenn nun Dahlen als Festung Bedeutung haben
sollte, dann mußte es ausreichend Verteidiger
haben. Deshalb wird in der Urkunde zweimal von
den in Zukunft in die Stadt zuziehenden Leuten
gesprochen. Sie sollen dieselben Rechte und
Freiheiten haben wie die 1354 Eingesessenen. Und
wenn deutlich hervorgehoben wird, daß die
Dahlener Behörden berechtigt sein sollen, sie
aufzunehmen, so kommt dies vielleicht einer
Aufforderung gleich. Ist die Urkunde vom 27.
Juni 1354 die Stadterhebungsurkunde? In ihr ist
von einer Erhebung nirgends die Rede. Dahlen
wird zwölfmal schon als Stadt bezeichnet. Die
typischen städtischen Beamten, die
Bürgermeister, werden als vorhanden genannt.
Dadurch entsteht der Eindruck, daß der Markgraf,
der den Ort "gründlich freien und gerichtlich
freimachen will", die Erhebung schon vorher
vollzogen und hier nur die genaueren
"Ausführungsbestimmungen" erlassen hat. Dann ist
Dahlen schon vor der Ausstellung des Freibriefes
zur Stadt erhoben worden: zwischen dem 9. Januar
1352 und dem 27. Juni 1354. Wir können noch
einen Schritt weiter gehen. Der Jülicher hat
sich dem Landfriedensbund am 28. April 1354
angeschlossen. Seit diesem Tage war der
Untergang, die völlige Zerstörung Gripekovens
nach damaliger Kriegsweise besiegelt, ein
zeitgemäßer Ersatz durch die Stadterhebung
Dahlens erforderlich. Man darf also vermuten,
daß die Stadterhebung zwischen dem 28. April und
dem 27. Juni 1354 geschehen ist und die
Ausführungsbestimmungen unmittelbar nach der
erfolgten Übergabe der Raubritterburg erlassen
worden sind.
Wer nun nach den Bestimmungen über Stadtrechte
glauben wollte, Dahlen sei eine saubere
Handelsstadt moderner Art geworden, würde irren.
1468 wird innerhalb der Stadt eine ganze Reihe
von Gutshöfen aufgezählt; 1724 gibt es in
der Stadt 170 Kühe und
sechs Ochsen. Noch jetzt verraten viele alte
Zufahrtstore der
Altstadt, manche
vermauert,
daß
auch später noch sich
viele Bauernhöfe mit Stallungen und Scheunen
dort befanden. Die Stadt hatte bis ins 20.
Jahrhundert hinein einen durchaus ländlichen
Charakter.
Dahlen als Festung
Berichten wir zuerst von
dem Äußern der jungen Stadt. Vermutlich war das
Dorf Dahlen bisher mit Graben und Wall und einer
auf dem Wall gepflanzten dichten Hecke oder
einem darauf stehenden Palisadenzaun gesichert
gewesen, in der Art der Landwehren oder
Schanzen, die sich entweder weit hinzogen oder
im
Kreis oder Viereck einen
Fluchtplatz oder ein Dorf mit seiner weitem
Umgebung (zum Beispiel Gladbach) einschlossen,
deren es schon 1085 an der südwestlichen Grenze
von Hardt gab.
Eingang und Ausgang gestatteten ein oder
mehrere wohl hölzerne Tore. Im 14. Jahrhundert
verlangten die Landesherren wirksamere
Umschließung durch verteidigungsfähige Mauern
mit Türmen und hohen Toren, wozu noch ein Graben
und gelegentlich ein Wall kamen, später, wenn
die Festung bedeutender war, auch vorgeschobene
Erdwerke.
Wann der Dahlener Mauerring
begonnen wurde bzw. fertig war, ist
nicht bekannt. Der Bau kann, nach den
Feststellungen von Huyskens bezüglich anderer
Städte, sich lange hingezogen haben. Vielleicht
war die Festungsmauer 1388 beendet, da in diesem
Jahre Herzog Wilhelm II. dem Franzosenkönig mit
drei anderen "Festungen" auch Dahlen einräumen
mußte.
Auch 1405 wird es als Festung aufgeführt.
Wenn 1581 die Befestigungsanlagen an
vielen Stellen verfallen sind, sind sie in
diesem Jahre schon recht alt. Jedenfalls zeigt
das Bild der Schlacht bei Dahlen des 1590
gestorbenen Kupferstechers Franz Hogenbergh den
fertigen Mauerkranz mit Toren und Gräben.
Die Dahlener Stadtmauer bestand - ein Rest an
der Hinterseite der beiden Eckhäuser St.
Peter-Straße-Helenastraße - aus Ziegelsteinen
und war etwa 5 m hoch und unten, wie man an den
Fensterdurchbrüchen erkennen kann, etwa 1 m
dick. Sie war mit einem Klötzchenfries verziert
und trug, wie alle derartigen Anlagen, Zinnen.
Sie hatte nach dem Brauch der niederrheinischen
Gegend, außer schmalen Durchgängen zu den
Feldern, drei Tore, Pforten genannt, wohl nur
einfache Tortürme, mit Obergeschoß und erhöhtem
Dach. Nach Norden gegen Gladbach stand das
Mühlentor, nach Südosten das Wickrather Tor -
diese beiden an der großen Verkehrsstraße - ,
nach Südwesten das Beecker Tor. Von allen sind
keine sichtbaren Reste mehr vorhanden. Vier
Türme, alle in der Nähe der Tore, erhöhten die
Verteidigungsmöglichkeit: einer beim Wickrather
Tor auf das Beecker Tor zu, dann nicht weit vom
Beecker Tor auf das Mühlentor zu der Pulverturm,
in dem später das Pulver aufbewahrt wurde,
zwischen Mühlentor und Wickrather Tor der
Morenturm, dessen Name nicht erklärt werden
kann, sowie der dicke Turm. Die Türme
dienten auch als
Gefängnisse. Auch von ihnen ist nichts
Sichtbares mehr erhalten. Wie die Verteidiger
den oberen Rand der Mauer erreichten, ist nicht
überliefert. Es liegen keine Nachrichten vor, ob
sich an die Innenseite der hohen Mauer ein
Erdwall anlehnte mit einem darüber verlaufenden
Wallgang, ob an den oberen Teil der Mauer aus
Balken und Bohlen eine Galerie als Wehrgang
befestigt war, dessen Gewicht auf den die Mauer
verstärkenden Pfeilern ruhte, oder ob die
Verteidiger
auf Leitern
hochkletterten. Gegen die erste Möglichkeit
spricht, daß
1581 nach einer
Besichtigung der Rat der Stadt trotz mancher
Schäden der Mauer nichts vom Verfall eines
Walles berichtet und von einem "Umgang zwischen
dem Kloster und der Stadtmauer", nicht "zwischen
Kloster und Wall" schreibt, und weiter, daß es
auch in den Verteidigungsanweisungen der
Rottenverzeichnisse immer heißt: längs der
Stadtmauer. Wenn heute bei Straßenbezeichnungen
noch "Wall" gebraucht wird, so kann sich dies
daraus erklären, daß die älteste Wallbefestigung
ihren Namen "Wall" an die spätere
Gesamtverteidigungssanlage weitergegeben hat, so
schon 1572.
Außerhalb der rundlich gebauten Mauer zog sich
in einem
gewissen Abstande ein breiter Graben hin, über
den aus den Toren Brücken führten. Entgegen
alten bildlichen Darstellungen muß man annehmen,
daß die Brücken hochgezogen werden konnten. Die
Wasserzufuhr erfolgte wohl durch hervortretendes
Grundwasser, das ja in früheren Zeiten einen
viel höheren Stand hatte als heutzutage, durch
Regenwasser, Abwässer und wenigstens im
nördlichen
Teil durch den von
Groterath herunterfließenden kleinen Buch,
dessen Zufluß mit Schleusen geregelt wurde. Oft
genug wird der Stadtgraben nur mit
übelriechendem Schlamm gefüllt gewesen sein. So
klagt denn der Rat 1581, daß der Graben zwischen
Mühlen- und Wickrather Tor und noch halbwegs zum
Beecker Tor kein Wasser habe, und weiter, daß an
verschiedenen Stellen die Anwohner den Graben
durch Ausschütten von Abfällen verändert oder
durch Anpflanzen von Weidenbäumen seinem
Verteidigungszweck entfremdet hätten. - Der
Verlauf des Grabens ist - am wenigsten deutlich
auf der Ostseite - dadurch zu erkennen, daß an
seiner Stelle sich um die Altstadt ein fast
geschlossener Gürtel von Gärten hinzieht, die
fast überall in der Mitte etwas eingesunken
sind. Von den Mauerresten an der Ecke St.-Peter
- Helenastraße aus sieht man die Rinne
unverkennbar in dem Rasen am Feuerwehrturm. (Anm.
heute, 2026, nicht mehr sichtbar. Der Feuerwehrturm
stand dort, wo sich heute das Altersheim befindet).
Die hinter der Innenseite der Mauer seit alters
verlaufenden Straßen und Wege sind fast alle
erhalten. Außerhalb des Grabens ziehen sich
ähnliche Gehwege hin; es sind die Überbleibsel
des Weges, der so breit sein mußte, daß zwei
Bürgermeister, die ihre Arme ausstreckten und
sich an den Händen hielten, darauf gehen
konnten. Auf der Strecke vom Wickrather Tor über
das Beecker Tor bis zum Mühlentor nennt man sie
jetzt Gracht oder mundartlich Greit. Da beide
Wörter die gleiche Bedeutung "Wassergraben"
haben, bezeichnete man offenbar die Außenwege
als: "An der Gracht". Wie bei so vielen
Ortsnamen unserer Gegend sind die kurzen Silben
am Anfang allmählich fortgelassen worden.
Merkwürdig auch, daß die den Graben begleitenden
Wege an den Toren nicht unmittelbar
aufeinanderstoßen ; die jene Befestigungsanlage
leitenden Baumeister konnten im 14. Jahrhundert
wohl noch nicht richtig planen und werden sich
dadurch die Errichtung der Tore erschwert haben.
Wer auf dem äußern Umgang um die Altstadt
herumgeht, sieht, wie klein Dahlen vor 1800 und
noch nachher gewesen ist. Es soll um 1750 nur
716 Einwohner gehabt haben.
Aber es bot seinen
Einwohnern und den Bewohnern des Kirchspiels,
die bisher in den vielen Notfällen in die
Burgen,
in die Dahlener
Kirche oder in den Schutz einer Landwehr
flüchteten -
noch 1580 werden in der
Nähe von Wolfsittard die Enger Landwehr und die
Gladbacher Landwehr genannt
- reichlichere und
gesichertere Unterkunft für Menschen, Vieh und
andere bewegliche Habe. Dieser Schutz muß den
Dahlenern wesentlich gewesen sein, denn sie
baten 1581 den Herzog, die an vielen Stellen
verfallenen Festungswerke der Stadt
instandzusetzen, was denn auch geschah.
Aber ein Nachteil darf
nicht übersehen werden; gerade dadurch, daß
Dahlen befestigt war, mußte es als
Widerstandsnest in größeren Kriegen die Feinde
anziehen; und so mag gerade deswegen mancher
Schaden die Stadt getroffen haben, von dem wir
nur mangels Nachrichten nichts wissen.
Bewachung und Verteidigung der Stadt leisteten,
wenn nicht der Landesherr aus besonderen Gründen
Söldner in diese legte, die Bürger, die in
Burgrotten oder Wachtrotten unter Rottmeistern
eingeteilt waren und im Notfalle mit
Schießgewehr (wohl schon seit dem 16.
Jahrhundert) oder Spieß sich zu ihren
Mauerabschnitten begaben. Mehrere Abteilungen
blieben als Reserven auf dem Markt versammelt.
Einwohner des Kirchspiels sind in
Rottenverzeichnissen nicht erwähnt. Die Zahlen
der Rotten und ihrer Männer schwankten; es
finden sich 16,
22, 24 Rotten mit
durchschnittlich
10
bzw.
15
Zugehörigen. Wenn in
einem nicht angegebenen Jahre
16
Rotten mit je
15
Leuten aufgestellt
waren, dann gab es 240 waffenfähige Verteidiger.
Wer aus irgendeinem Grunde nicht herangezogen
wurde, zahlte dafür eine Steuer.
Da nach Ausweis der Verzeichnisse ein
bedeutender Teil der Verteidiger ein
Schießgewehr besaß, mußte die Stadt diesen
Männern die Möglichkeit bieten, sich im Gebrauch
der Waffe zu üben. So wird bald nach
1600
eine Schießbahn,
nördlich beim Wickrather Tor gelegen, erwähnt.
Seit dem Aufkommen weittragender Geschütze
spielten Stadtmauern und ihre festen Tore und
Türme bei Kriegen schon
im
17. Jahrhundert
keine wichtige Rolle mehr. Um
1780
soll man deshalb
angefangen haben, die Dahlener Befestigungen
abzutragen.
Als aber
1792
Krieg drohte, beschloß
man, Tore, Gräben und Schleusen
wiederherzustellen. Der Verlauf des Krieges wird
die Vollendung der Arbeiten verhindert haben.
Wie anderwärts wird von der französischen
Regierung sogar
die
Niederlegung der
gesamten Anlagen angeordnet und begonnen worden
sein.
1804
heißt es: "Die Stadt
liegt jetzt offen". Das Steinmaterial benutzte
man gewiß zum Ausfüllen des Grabens. Dabei
gingen die Dahlener mit seltener Gründlichkeit
zu Werk. Keinen Turm und kein Tor ließen sie
bestehen. Und auch das geringe Mauerstück an der
Ecke Peter-Helena-Straße wäre beseitigt worden,
wenn es nicht Hinterseite von zwei alten
Häusern gewesen wäre.
1822 wurde der Stadtgraben in Parzellen
aufgeteilt und an die Anlieger vergeben.
Auszug aus Geschichte von Stadt und Pfarre
Rheindahlen,
von
Dr. R O B E R T
J E U C K E N S, Aachen 1954
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